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Tropenwälder sind auch für uns Lebenselixier Manfred Niekisch ist Vizepräsident des Deutschen
Naturschutzringes (DNR)Als Alexander von Humboldt 1799 erstmals in einen tropischen Wald eindrang, notierte er in sein Tagebuch, er liefe wie ein Narr umher, und sein Reisegefährte Bonpland komme "von Sinnen, wenn die
Wunder nicht bald aufhören". Heute ist nüchterne Betrachtung angesagt: Allein zwischen 1981 und 1990 wurden mindestens 154 Millionen Hektar Tropenwald zerstört. Die jährliche Vernichtungsrate liegt weltweit derzeit bei
etwa zwei Prozent, und sie steigt ständig weiter. Die Ursachen stehen in komplexen Wechselwirkungen: Armut, Bevölkerungsexplosion, Bedarf an Weide- und Ackerland, kommerzieller Holzeinschlag, kurzsichtige staatliche
Entwicklungsziele. Täglich werden dabei 100 bis 200 Arten von Tieren und Pflanzen ausgerottet. Die genaue Zahl ist zwangsläufig unbekannt, denn von den schätzungsweise zwischen 30 und 100 Millionen Arten von Tieren und Pflanzen
auf unserem Globus sind gerade einmal 1,5 Millionen wissenschaftlich beschrieben. Doch wichtiger als genaue Zahlen ist die Erkenntnis, daß fast jedes Nahrungsmittel oder Medikament des Menschen auf eine wildlebende Tier- oder
Pflanzenart zurückgeht. Die Tropen mit ihrer weitgehend unerforschten Fauna und Flora beherbergen etwa 75 Prozent aller Arten der Erde. Dort schlummert somit ein unendliches Potential für die Zukunft der Menschheit. Jede
verlorene Art ist eine verlorene Chance. Eine tropische Wurzel, aus deren Inhaltsstoffen die Antibabypille entwickelt wurde; eine Liane aus Kamerun, in der sich womöglich ein Wirkstoff gegen Aids befindet; die Revolution in der
Leukämiebekämpfung dank eines Pflänzchens aus Madagaskar; Beispiele wie Mais, Pfeffer und Kakao lassen den unermeßlichen Wert tropischer Biodiversität erahnen.
So gesehen könnte es fast als Dreingabe erscheinen, daß die
Tropenwälder auch noch die Wasserkreisläufe und das Weltklima stabilisieren sowie den Klimakiller Kohlendioxid auf natürliche Weise entsorgen. Die Fakten zur globalen Bedeutung der Tropenwälder sind eindeutig, das Wissen und
die Prognosen zu den Folgen ihrer Zerstörung beängstigend. Es gibt kaum Interpretationsspielraum, alle Indizien weisen in die Richtung einer globalen Katastrophe. Wenn letzte Gewißheit besteht, ist es zu spät! Wo Menschen in
den Tropen darauf angewiesen sind, auf abgeholzten Flächen ihr Dasein zu fristen, zeigt die Waldzerstörung bereits massiv ihre lebensbedrohenden Folgen. Armut ist eine Ursache, noch mehr aber die Folge von
Waldvernichtung.
Auch der oft als wichtiger Wirtschaftsfaktor gepriesene Tropenholzexport brachte keinem Entwicklungsland Wohlstand, sondern lieferte allenfalls schnelles Geld für exklusive Kreise. Das größte
Gipfeltreffen aller Zeiten, die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro, hat zwar die weltweite Besorgnis um Wälder, Biodiversität und Klima artikuliert, aber mehr erreichte sie bisher nicht. In den
Hauptstädten und Industrienationen ist der tagtägliche Leidensdruck der Waldzerstörung offenbar noch nicht ausreichend spürbar. Verbindliche Regelungen zum Schutz der Wälder und des Eigentumsrechtes souveräner Staaten an ihren
natürlichen genetischen Ressourcen hängen ebenso im Netz diplomatischen Geplänkels oder schleppen den Bremsklotz national-egoistischer Interessen mit sich herum wie konkrete Schritte zur Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen.
Da bleibt kaum Raum für Optimismus. Und doch gibt es Entwicklungen, die Hoffnung machen.
Aus leidvoller, hautnaher Erfahrung heraus erkennen immer mehr Menschen in den Tropen den Zusammenhang zwischen Waldschutz und
Wasser, Nahrung, Lebensqualität. Kleinbauern, Dorfgemeinschaften, Indianergruppen organisieren erfolgreich Hilfe zur Selbsthilfe und erweisen sich als die besten Hüter ihrer Wälder. Es ist wohl so, daß Betroffenheit die
stärkste Triebfeder für Veränderungen ist. In der Nabelschau der eigenen Probleme drohen Deutschland und Europa zu vergessen, daß der weltweite rasante Verlust an Biodiversität, daß Klimaveränderungen und die Armut der
Entwicklungsländer längst zentrale Überlebensprobleme für die Menschheit geworden sind. Wenn wir mit ernsthaften Initiativen zum Tropenwald- und Klimaschutz abwarten, bis sich unsere eigene Betroffenheit nicht mehr verdrängen
läßt, dürfte nicht mehr viel zu retten sein.
Von MANFRED NIEKISCH http://www.welt.de/daten/1996/07/26/0726fo104781.htx
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