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Der Baum der Erkenntnis Alle großen Kulturen des Altertums haben ihre Vorstellungen von der zentralen Säule der Welt auch auf das Symbol des Baumes
übertragen. Damit wurde er zum Weltenbaum oder Lebensbaum der Menschheit. Wir finden deshalb in den Mythen fast aller Völker der Erde das Bild des kosmischen Baumes, dessen Stamm als Mittelpunkt und Zentrum der Welt den Himmel
trägt. Er verbindet die verschiedenen Welten miteinander, den Himmel, die Erde und die Unterwelt. Es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn man sagt, daß das Sinnbild des Baumes vielleicht das grundlegendste, gewaltigste und
älteste aller Ursymbole der Menschheit ist. Besonders eindrucksvoll ist das Symbol des Baumes der Erkenntnis. Es ist sicherlich kein Zufall, daß das Bild des Baumes im Garten Eden ebenfalls untrennbar mit dem Symbol der
Schlange verbunden ist. Hier wird der himmlische Baum als Baum des Lebens und Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen bezeichnet. Er steht mitten im Garten Eden und bildet damit erneut das Zentrum der Welt von der dieser
biblische Bericht spricht. Auch diesmal hat die Schlange die Funktion, den Menschen aus seiner Unwissenheit herauszuführen zu einem Zustand der Erkenntnis. Sie verkündet den beiden Bewohnern des Paradieses das göttliche
Geheimnis: Wenn ihr vom Apfel des Baumes eßt, werden eure Augen aufgetan, und Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Bis zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Menschen in einem Zustand der Unschuld,
der gleichzeitig aber auch ein Zustand der Unwissenheit war. Bis hierher hatte der Mensch keinen freien Willen und damit auch nicht die Freiheit Fehler zu machen. Er wußte nicht, was gut war und was böse. Es war der tierische
Zustand des Menschen, in dem er sich bei seinem Handeln noch völlig in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen befand. Im Moment des sogenannten Sündenfalls verliert er diese Unschuld. Er erhält seinen freien Willen und damit die
Freiheit der Entscheidung, entweder entsprechend der göttlichen Gesetze zu leben oder sich gegen sie zu vergehen. Damit hat er auch gleichzeitig den Evolutionssprung getan, in dem es ihm möglich wird, in seinem irdischen Körper
Erleuchtung zu erlangen. Er ist wirklich Mensch geworden und hat damit die Chance erhalten, seine Evolution auch zu vollenden, indem er seine Aufgabe erfüllt und seine göttliche Natur erkennt. Gott selbst bestätigt dies im
biblischen Text indem er sagt: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, daß er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch vom Baum des Lebens und esse und lebe
ewiglich!" Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden. (1. Mose 3, 22 u. 23) Gott unterbricht den Individuationsprozeß der jungen Menschheit nach Aussage der Bibel an dieser Stelle. Warum dies geschieht, darauf weiß
wohl niemand die letzte Antwort. Für den Christen bleibt es ein göttliches Mysterium. Nach indischer Sicht wird der Mensch an dieser Stelle eingebunden in das Spiel des spirituellen Evolutionsprozesses mit der damit
einhergehenden fast endlosen Kette von Tod und Wiedergeburt, auf daß am Ende dieses Prozesses die Schlange des Paradieses als die Schlange der Kundalini am menschlichen Baum der Erkenntnis emporsteigt, um schließlich den Sinn
der Schöpfung des Menschen zu erfüllen.
Quelle: Ulrich Wendlandt, Der Weg der alten Zauberer - Vom Ursprung magischer Stäbe, Cersken-Kanbaz-Verlag
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